Es gilt das gesprochene Wort

Neujahrsempfang am 10. Januar 2010
der Stadt Dessau-Roßlau und der
Stadtsparkasse Dessau
Grußwort des Vorsitzenden des Vorstandes der Stadtsparkasse Dessau, Hubert Ernst

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Namen Ihrer Sparkasse wünsche ich Ihnen ein frohes,  glückliches und gesegnetes Jahr 2010.

Sorgen Sie sich um das Selbst. Finden Sie Ihre Philosophie als Lebenskunst. Philosophie meint zunächst nichts anderes als ein Innehalten und Nachdenken. Sie ist die Eröffnung eines geistigen Raumes, innerhalb dessen Lebensfragen gestellt und erörtert werden können. Wer Fragen an das Leben hat, ist nicht notwendigerweise krank, auch nicht gestört und schon gar nicht therapiebedürftig. Es ist, wie bei Sokrates und Platon, die Sorge um die Seele. Fragen Sie sich nicht allein, sondern suchen Sie das Gespräch von Person zu Person, im Grunde mit jedem. Was viele von uns suchen, ist das Gespräch über das Leben, um sich über sich selber klarer zu werden. Für einen Gesprächspartner ist es wichtig, seinem Gegenüber die Möglichkeit zu bieten, sich in Bezug auf das was ist und was möglich ist, neu zu orientieren, um eine tragfähige Lebenswahrheit für sich zu gewinnen. Genau dazu dient die philosophische Frage, was ist die Lebenswahrheit?

Die Frage dient dazu, Ideen zu klären, etwa die, die ein Mensch vom Leben, vom Glück und vom Sinn hat. Er möchte klarer sehen, was die Frage beinhaltet, seine Sichtweise beizubehalten oder zu verändern und nach der Umsetzung in die Praxis zu fragen.

Das Selbst erfährt im Gespräch die Aufmerksamkeit, die ihm fehlt, die Zuwendung, die es entbehrt. Die bloße Aufmerksamkeit eines anderen kann die Kräfte eines Menschen in außerordentlichem Maße aktivieren. Sie sorgt für neue Selbstaufmerksamkeit. Ein solches philosophisches Gespräch war in der Zeit von Sokrates eine Art Geburtshilfe. Dem anderen wird dazu verholfen, seine Gedanken zu gebären. Die eigenen Gedanken sind wichtig für die Lebenskunst, denn nur den eigenen Einsichten wird der Mensch, wenn überhaupt, auch folgen.

Dabei muss man nicht leidenschaftslos und unantastbar sein, also nicht stoisch. Unter den Bedingungen der modernen Freiheit wird das Leben zu einer Frage der Wahl, der Optionen, der Möglichkeiten, eine überlegte eigene Wahl. Moderne Freiheit bedeutet, die Notwendigkeit der Sorge um sich selbst und die Verantwortung um sich selbst.

In der Frage nach der Lebenskunst des Einzelnen ist heute häufig vom „ICH“ die Rede.

Dieses „ICH“, verstanden als Selbstsucht, führt zu einem Selbstverlust. Im Ergebnis haben wir auf keinen Fall eine gewählte souveräne Selbstlosigkeit oder eine souveräne Selbstbeziehung. Verfehlen wir die Frage nach dem Selbst, kämen auch keine Beziehungen zu anderen mehr zustande. Die Frage ist also die Begründung eines „WIR“. Lebenskunst heißt, sein Leben bewusst zu führen. Seneca im Rom der Jahre vor Christus verstand unter Lebenskunst das Glück, ein erfülltes Leben zu führen, nicht etwa die Fortuna, ein Zufallsglück.

Die Kenntnis des eigenen Selbst führt zur persönlichen Integrität.

Von außerordentlicher Bedeutung sind die Gewohnheiten.
Sie sind nicht etwa nebensächlich, denn ein großer Teil unseres Lebens spielt sich in Gewohnheiten ab, sonst hätten wir in jeder Minute eine Vielzahl von Entscheidungen zu treffen, was wir tun sollen. Die regelmäßige Wiederholung und die Dauerhaftigkeit des immer gleichen Vollzugs dienen dazu, etwas zur Gewohnheit werden zu lassen, das sich in uns verankert. Damit entsteht eine Entlastung von der Wahl mit sich selbst. Gewohnheit ist eine Beziehung zum Raum. Daraus entsteht das eigentliche Problem, die Entwöhnung von Gewohnheiten.

Entwöhnung von Gewohnheit = Wandel
Wandel in unserer Stadt

Schon Göttervater Wotan bekannte in Richard Wagners „Rheingold“:

Wandel und Wechsel/liebt wer lebt
Das Spiel drum kann ich nicht sparen.

Die Suche nach der Lebenskunst, nach dem Glück, führt uns zu zwei wichtigen Polen: der Lust und dem Schmerz.
Lust sorgt für Genuss für die erforderliche Entspannung, nicht aber, um die Sorge völlig aufzuheben. Sind wir uns dessen bewusst, hält die Lust die Sehnsucht nach ihrem Genuss wach, denn Sehnsucht gilt nur einem Gut, das nicht beliebig verfügbar ist. Dem gegenüber steht der Umgang mit dem Schmerz. Dem Schmerz muss nicht immer entflohen werden. Er muss nicht immer betäubt und nicht jedes psychische Leid schon im Ansatz erstickt werden. Schmerz ist ein persönliches Eigentum, ein Eigentum, das niemand sonst haben will. Das einzige Eigentum, das keinen Neid auf sich zieht. Findet neben der Lust der Schmerz seinen Platz im Leben, winkt uns das Glück.

Sinn der Lebenskunst ist es, dem Leben ein Ziel und auf diese Weise einen Sinn zu geben. In der Antike wurde das Ziel der Lebenskunst gern als das „Schöne“ bezeichnet, ein ebenso faszinierender wie auch fließender Begriff. So sagte Diogenes (Der in der Tonne lebte): Wozu also lebst du, wenn du dich nicht darum sorgst, schön zu leben?
Schön ist das, was als bejahenswert erscheint.

Das Schöne umfasst aber auch das Misslingen – entscheidend ist, ob das Leben insgesamt als bejahenswert erscheint. Unser Rat also: Gestalte dein Leben so, dass es bejahenswert ist. Mit der Frage danach fragen wir, ob das Bestehende auch das bejahenswerte ist.

Glück ist nicht die Maximierung von Lust und die Eliminierung von Schmerz. Es handelt sich nicht um das, was man ein leichtes Leben nennt, eher um eins, das voller Schwierigkeiten ist, die zu bewältigen sind, voller Widerstände, Komplikationen, Entbehrungen, Konflikte, die ausgefochten oder ausgehalten werden, all das, was gemeinhin nicht zum Glücklichsein zählt. Also eine Fähigkeit, das Leben unter Abwägung richtig zu führen, das ist die Lebenskunst.

Forscher, die sich mit dem Wandel befassen, stellen Beziehungen her zwischen dem Maß an Bedrohung und der Fähigkeit der Menschen, sich anzupassen. Jedem von uns wird sofort klar, wenn die Bedrohung groß ist und unsere Fähigkeit, uns zu wandeln, nur sehr gering, stehen wir vor einer gewaltigen Herausforderung. Darum plädiere ich dafür, befassen wir uns mit der Macht des Wandels. Wir haben nicht nur die Aufklärung in unserer Region gehabt, wir sind noch heute aufgeklärt und wir haben die Wahl.

Das eigentliche Problem ist die Entwöhnung von Gewohnheiten

20 Jahre nach dem Mauerfall sind 20 Jahre genutzte Chancen. So sieht es eine Zeitungsbeilage in der Bandbreite zwischen stürmischen Dessauer Tagen im Herbst 1989 und einem Wandbild zur ewigen Erinnerung 20 Jahre danach im November 2009. Die ganze Bevölkerung, eine ganze Stadt, hat diesen Wandel gewollt und vollbracht. Heute, 20 Jahre danach, fragen viele nach dem Sinn des Lebens und stellen damit die Frage nach der Entwöhnung von dem Gewohnten. Diese Frage wird aber in unserer Stadt schon täglich aufgeworfen und Optionen, Möglichkeiten werden angeboten. Lassen Sie mich beispielhaft das Anhaltische Theater dafür in den Mittelpunkt rücken. Da ist die Inszenierung von „Lohengrin“. Für einige ist das Erleben der Inszenierung die Entwöhnung von dem Gewohnten. Sie vermissen den originalen Hintergrund vieler Jahrhunderte vor uns, in dem sie selbst nicht gelebt haben. Die Übertragung des traumatischen Stoffes in die Gegenwart vermittelt uns jene Botschaft, die wir im Heute verstehen und bewerten können. So ist es auch in Candide von Voltaire. Wir erhalten eine Steilvorlage für die Beschäftigung mit uns selbst, für die Aspekte von Lust und Schmerz, Gewohntem und Ungewohntem, für Überlegungen zum ICH und zum WIR. Greifen wir diese Vorlage auf für das Gespräch miteinander.
Die Macher sind mitten unter uns. Das gilt ohne Rangfolge für das Bauhaus, für die Kurt-Weill-Gesellschaft, für die Moses-Mendelssohn-Gesellschaft, für Hugo Junkers und andere Pioniere des 20. Jahrhunderts.

Wie wird unsere Zukunft?

In einem Magazin für Vorausdenker sind viele Beiträge namhafter Persönlichkeiten unserer Zeit zur Zukunft enthalten. Bei der Überschrift „Galapagos Management“ heißt es, … wie man schwere Krisen überlebt und dabei Evolutionsgeschichte schreibt.

Darin ist die Rede von Biologen, die versucht sind, für die Rettung eines Finken ein Rettungspaket zu schnüren, eine Schale mit Wasser, ein Teller mit Körnern.

Für die Vögel bedeutet das Ausbleiben der Regenzeit eine Katastrophe. In ihrer verzweifelten Suche nach Nahrung drehen sie jeden Stein um, stürzen sich auf stachlige und klebrige Pflanzen, die sie sonst verschmähen. Heute suchen wir nach dem Weg in die Zukunft. Was wir tun, liegt nahe. Wir fragen, wie es in der großen Zeit unserer Stadt, in der Zeit, die wir heute „die Wiege der klassischen Moderne“ nennen, nach Analogien. Da sind die Toleranz, der Pioniergeist und die Bereitschaft zum Wandel.
Sie alle haben diese Tugenden in den zurückliegenden 20 Jahren erneut bewiesen. Einen Fehler dürfen wir nicht machen, zu glauben, damit hätten wir den Wandel vollbracht. Denn nichts ist so beständig, wie der Wandel. Wir sind mittendrin, heute und immer. Das Besondere ist, den Wandel können wir gestalten.
Wir haben die Wahl.

Philosophieren Sie über die Kunst des Lebens, Ihres Lebens, kommen Sie von dem ICH zum SELBST und zum WIR. Nehmen Sie wahr, wie nahe das Persönliche, die Lust und der Schmerz korrespondieren mit den Chancen und Risiken im Wandel. Dann befinden Sie sich persönlich und wir alle gemeinsam auf unserem Weg in eine gute Zukunft.

Der Süden gilt als Sehnsuchtsort des Glücks. Der Süden ist die Sonne und man wendet nach wie vor große Mühen auf, den Süden irgendwie in den Norden zu kriegen, durch Solarien, Bräunungscremes, Ristorante und Samba-Bars mit Palmen. Vor uns haben die Fürsten Orangerien geschaffen. Im Süden lebt, wie Goethe anmerkt, jeder in den Tag hinein, weil ein Tag dem anderen gleicht und weil man sich auf keine Zeit des Mangels, keinen Winter, vorzubereiten hat. Für manche ist der Süden sogar eine sexuelle Utopie. Die Moral zu dieser Geschichte: Im Naturzustand sind Sittlichkeit und Begehren, der Körper und der Geist versöhnt, unter der Sonne sind alle gleich.

Im Norden aber merkt schon Tatzitus die gastronomische Unkultur an und dass die Speisen dort lediglich den Hunger vertrieben. Und missmutig notiert Goethe in seiner italienischen Reise, dass der Neapolitaner von den nördlichen Ländern einen sehr traurigen Begriff hat. Später einmal sollte der Norden durchaus zum Ideal zu werden, zu einem äußerst finsteren allerdings. Wir sprechen von der „nordischen Rasse“.

Sehr geehrte Damen und Herren,
der Süden konkurriert als Himmelsrichtung allerdings zunächst mit dem Osten: dort geht die Sonne auf, dort entspringt das Leben, dorthin hat sich das Paradies zurückgezogen, nachdem wir von der verbotenen Frucht gekostet haben.

Zur Bestimmung unseres Glücks gehören neben unseren individuellen auch die öffentlichen Güter. Sie werden auf keinem Markt gehandelt. Es sind Umweltqualität, die öffentliche Sicherheit und das Kulturangebot. Wir, wir leben alle an einem Ort mit einem fantastischen Kulturangebot. Dessen sollten wir uns heute an dieser Stelle besonders bewusst sein. Es ist Teil unseres Glücks.

Glück, sehr geehrte Damen und Herren,
Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.

 
     
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